Kilimanjaro – unsere Erfahrung auf 5895m

„It’s just a piece of cake“ sagte uns Laurence, unser Guide, als wir schnaufend die letzten 100m des höchsten freistehenden Berges der Welt bestiegen. Kopf ausschalten, gehen, einfach weitergehen und nicht denken. Hakuna matata – don’t worry…

 

Doch von vorne: Ungefähr vor drei Monaten buchten wir die Besteigung des Kilimanjaro online über Ashante Tours. Es war beschlossen. Über die vergangenen Monate zuvor hatten wir uns viel Gedanken über unser Equipment gemacht. Denn man durchwandert verschiedenste klimatische Zonen. Am Fuß des Berges herrschen trockene 30°C. Danach trifft man auf feuchtwarmen Bergregenwald, kommt dann in kalte Geröllwüsten bishin zur schneereichen Gletscherlandschaft mit Temperaturen von -15°C und starken Winden. All das muss durch gute Kleidung und Ausrüstung abgedeckt sein.
Ein weiterer Punkt ist die körperliche Fitness. Trotz eindeutiger Ratschläge fiel unsere physische Vorbereitung aufgrund neu begonnender Jobs recht spärlich aus. Zum Glück stellte sich in unserem Fall heraus, dass man sich als halbwegs fitte Mitt-/Endzwanziger keine Sorgen machen braucht (nachahmen nur bedingt empfohlen).
Bezüglich der Route und Länge unseres Treks, entschieden wir uns für die Machame Route, da sie landschaftlich die schönste sein soll und für 7 Tage, also ein Tag mehr Aklimatisierung als zwingend nötig. Wir waren schließlich noch nie so hoch und wollten es unbedingt schaffen.
Am Machame Gate begann also unser Trek.

Das Erste, was man von unserem Guide hörte war „Pole Pole“ („langsam, langsam“).

Und so wanderten wir ganz gemächlich durch den Bergregenwald von 1800m auf 2835m bis zum Machame Camp. Die Vegetation änderte sich gewaltig. Der tropisch-nass-kühle Regenwald, durchzogen von Wolken, lichtete sich zunehmend zu trockenem halbhohen Bäumen und Sträuchern.

Im Camp fanden wir schon unser Schlafzelt und „dining tent“ vor. Ja, richtig gehört. Gegessen wird in extra Zelten. Und da wir eine „Private Tour“ gebucht hatten, hatten wir ein Essenszelt für uns zwei. Anfangs kam uns das ganze Ambiente etwas dekadent vor: Essenszelt mit Tisch und Stühlen, Tischdecke, Metallbesteck und – geschirr. Ist das wirklich nötig fragten wir uns, wo sich doch unsere bisherigen Treks auf das Allernötigste beschränkten? Doch wir werden uns noch über diese Annehmlichkeiten freuen, insbesondere wenn es einem hundeelend geht…

Der zweite Tag führte uns ins Shira Cave Camp auf 3750m. Dort begann für mich (Johannes) eine 2,5 tägige Kopfschmerzodysse. Da ich eh anfällig dafür bin, musste es wohl so kommen. Nichtsdestotrotz ging es immer weiter hinauf. Steine, sengende Sonne, Geröll, Erika-Pflanzen, keine Pflanzen, Wände hochklettern, geradeaus, runter, Wolken.

Täglich waren es dann nur wenige hundert Höhenmeter, die wir aufstiegen um eine optimale Aklimatisierung zu erreichen. Wir bemerkten, dass unsere Körper unter der Höhe litten. Ein reichlich erhöhter Ruhepuls, eine niedrige Sauerstoffsättigung (bei 3900m gerade mal 89%) und eine erhöhte Atemfrequenz waren die Antwort. Nebenbei versuchten wir so viel wie möglich zu essen, worauf unser Guide penibel achtete. Die sanitären Anlagen, insofern vorhanden, brachten uns an unser Limit. Insbesondere wenn „Luftanhalten“ bei der immer dünner werdenden Luft unmöglich wurde.

Schnell wurde das Klima kühler und die Umgebung lebendsfeindlicher, wenn auch unglaublich schön.

Wir wurden mit fantastischen Ausblicken belohnt und wandelten über den Wolken. „Pole, Pole“ machte nun immer mehr Sinn. Bei einigen unserer Mitstreiter zeigten sich schon bald erste Anzeichen von Überanstrengung. Gespräche wurden immer weniger. Jeder konzentrierte sich auf das Bevorstehende. „Walk high, sleep low“ füllte die Tage. Es folgten das Barranco Camp und das Karanga Camp.

Nach und nach gewöhnte man sich an die Höhe, bis man schließlich im Base Camp (Barafu Camp) auf 4600m ankam und der finale Aufstieg zum Uhuru Peak bevorstand. Das bedeutete, dass wir um Mitternacht das Wichtigste zusammenpackten und zum Gipfel aufbrachen. Mit Kopflampen bewaffnet und allem angezogen, was wir dabei hatten, ging es los.

Eine Reihe von kleinen Lichtpunkten schlängelte sich schon die erste Anhöhe empor.

In den folgenden sechs Stunden holten wir fast alle ein. Wir schauten in schmerzverzerrte, nach Luft japsende Gesichter. Vielen machten die letzten 1200 Höhenmeter extrem zu schaffen. Auch Nina verfiel in eine Art Trance und fühlte sich alles andere als gut. Die Temperaturen fielen immer weiter und der Wind nahm deutlich zu. Um kurz nach fünf Uhr erreichten wir den Stella Point (5756m). Dort gab es eine kleine Pause mit heißem Tee. Die letzten 45 Minuten begannen, bis wir das Dach Afrikas erreichen sollten. Vorbei an Schneefeldern und Gletschern führte uns der Pfad.

Schließlich gingen wir über eine leichte Anhöhe und der Blick war frei auf den höchsten Punkt. All die vergangenen Tage hatte man den Berg vor sich und nun endete der Weg über den Wolken.

Es ging einfach nicht mehr höher auf diesem Kontinent.

 

Die aufgehende Sonne tauchte den Gipfel und die darunter liegende Wolkendecke in ein magisches Licht. Wir hatten nicht damit gerechnet, welches unvergleichliches Glücksgefühl uns durchströmen würde als wir auf 5895m standen. Tränen standen uns in den Augen. Wir nannten es Mounteneering High. All die Anstrengungen waren in diesem Moment vergessen. Dieser Moment entschädigte für die 60 Stunden Kopfschmerzen, für Nina’s Wahrnehmungsstörungen, für die arschkalten ich-muss-pipi-mitten-in-der-Nacht Momente, für die ständig laufende Nase und dafür, dass man auf jegliches Fünkchen Komfort verzichtete in dem sogenannten „Urlaub“. Es war geschafft. Wow.

Nach dem obligatorischen Foto vor dem Gipfelschild drängte uns Laurence wieder zum Abstieg.

Diese Eile hatte einen konkreten Grund. Zwei Tage zuvor ist nämlich ein Tourist aufgrund eines Lungenödems kurz vor dem Gipfel gestorben. Auch heute sollte noch ein Rettungshubschrauber mehrere Höhenkranke vom Berg holen müssen. Innerhalb der nächsten zwei Stunden ging es also im rasanten Tempo zurück zum Base Camp.

Dort angekommen erholten wir uns ein wenig, aßen etwas und stiegen weiter ab. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass wir zum Lower Camp absteigen sollten um hier eine letzte Nacht zu schlafen. Allerdings lockte uns der Gedanke an eine warme Dusche und ein frisch gemachtes Bett. So entschieden wir uns den Abstieg direkt zu wagen. Im Nachhinein war es nicht unsere beste Idee. Die 4100 Höhenmeter in einem Gewaltmarsch hinunterzueilen quittierten uns unsere Knie und Muskeln mit barbarischen Schmerzen. Selbst Laurence meinte er habe das in den letzten zehn Jahren nur vier Mal gemacht. (Haha, danke für die späte Info…) Vom Regen völlig durchnässt erreichten wir nach zermürbenden neun Stunden das Gate. Nochmal würden wir das wohl nicht machen. Aber wir haben es echt geschafft und sind vollgepumpt mit Glückshormonen!

Das war unser Weg zum Dach Afrikas. Die Eindrücke und Erfahrungen werden wir nicht mehr vergessen. Es war ein einzigartiges Erlebnis, dass wir jedem empfehlen. Jedoch sollte man sich auch der Anstrengungen und Gefahren bewusst sein.
Ob wir noch einen weiteren der Seven Summits besteigen werden, wissen wir noch nicht, aber die Verlockung ist aktull ziemlich groß!

 

 

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